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Gründer geben Gas im Norden

Kiel. Es geht voran mit dem Gründerland Schleswig-Holstein: Landesweit gab es in den ersten neun Monaten 2019 gut 16 000 Gewerbeanmeldungen – das sind acht Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Natürlich ist nicht jede Anmeldung ein Start-up, oft geht es um den Start eines Nebengewerbes mit dem Ziel, das Haushaltsbudget aufzupeppen. Doch nach Angaben des Statistikamtes Nord machen Betriebsgründungen knapp ein Fünftel der Neuanmeldungen aus, und hier ging die Entwicklung sogar um zehn Prozent nach oben.

„Das sind tolle Zahlen“, sagt Anke Rasmus, Vorsitzende des Vereins Start-up SH. Als Beleg für die Dynamik verweist die Leiterin des Zentrums für Entrepreneurship an der Universität Kiel auf jüngste Studien, etwa vom Deutschen Start-up Monitor. Danach wächst die Bedeutung Schleswig-Holsteins als Gründungsland. Hatten 2018 von knapp 2000 befragten Jungunternehmen 1,6 Prozent ihren Sitz zwischen Nord- und Ostsee, waren es in diesem Jahr bereits 2,6 Prozent. Kein Vergleich zu Gründungs-Hotspots wie Hamburg oder Berlin. Doch während andere Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen oder Sachsen-Anhalt Anteile verloren haben, ging es in Schleswig-Holstein aufwärts.

Zu den erfolgreichen Gründerinnen im Norden zählt Christina Wittke (29). Vor gut einem Jahr hob die in Kiel geborene BWLerin gemeinsam mit dem Geowissenschaftler Simon Nordstad die Mystandards GmbH aus der Taufe, mit Sitz im Kieler Innovations- und Technolgiezentrum (Kitz). Ein Labor, ein Schrank voller Referenzmaterialien und die Frage, wie man diese für die Analyse nutzbar machen kann – aus diesen Zutaten entstand das Start-up. Angefangen hatte Nordstadt 2013 mit dem Versuch, Materialien zur Eichung von Messgeräten aus Gesteinspulver und Bindemittel herzustellen. Der Durchbruch gelang mit der Entwicklung von „Nano-Pellets“ – ultrahomogene Pulverpresstabletten, die unter anderem im Bergbau zum Einsatz kommen, wo sie als Vergleichswert für Bodenproben dienen und so zeigen, ob ein Standort für den Abbau eines bestimmten Stoffes geeignet ist. Die Kieler Technologie könnte die bislang übliche Untersuchung mit Säure überflüssig machen. „Der Markt ist riesig“, sagt Christina Wittke. Auch der Klimaforschung kann die Innovation zugutekommen.

Banken von dieser Perspektive zu begeistern, erwies sich als aussichtslos – schließlich hatten die Uni-Absolventen kaum etwas zu bieten, was als Sicherheit dienen konnte. Auch Wagniskapitalgeber standen nicht gerade Schlange. Möglich wurde die Gründung schließlich durch Fördermittel aus dem Seed- und Start-up-Fonds Schleswig-Holstein plus „Exist“-Gründungsstipendium.

Mit dem Gründungsklima im Norden ist Christina Wittke zufrieden. Die größten Probleme? Die sieht sie in ihrem Fall vor allem darin, Geldgeber vom wirtschaftlichen Potenzial der neuen Analysetechnik zu überzeugen. Da für diese Gründung Laborräume erforderlich waren, war auch das Thema Gewerbeflächen ein Flaschenhals. Da sei es ein „Riesenglücksfall“ gewesen, dass im Kitz Flächen frei wurden.

Auch Julia Körner, Gründungsexpertin der Industrie- und Handelskammer Kiel, bewertet die jüngsten Zahlen als „sehr erfreulich“, zumal die Gewerbeanmeldungen bundesweit lediglich um 1,5 Prozent gestiegen sind. Die IHK nehme vor allem eine Zunahme bei „hochwertigen und technologieorientierten Gründungen“ wahr. Von einer „starken Dynamik“ spricht Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP). Zusätzliche Impulse erwartet er aus Silicon Valley. Genauer: vom gemeinsam mit Hamburg betriebenen Büro in San Francisco und der Partnerschaft mit „Plug & Play“, dem weltweit größten Start-up-Beschleuniger.

Quelle: kn 12.12.2019